Der Oberhasler, 4. August 2013: Umweltfreundliches Melken dank mobiler Batterie

Der Oberhasler, 4. August 2013: Umweltfreundliches Melken dank mobiler Batterie

Mit dem Batterie-Anhänger «LeiseMelk» will ein Ingenieuren-Team Dieselgeneratoren aus den Alpen verbannen. Bewährt sich der Prototyp, so könnte das Modell die Stromnutzung in den Alpen grundlegend verändern.

Mein Kommentar:

„Dieselgeneratoren aus den Alpen verbannen“ finde ich lustig, weil so eine „Verdrängerei“, ist ja spannend und braucht einen Haufen Innovation, heilige und unheilige Allianzen, Fairness und Humor, damit es dann auch wirklich funktioniert. Die Chancen stehen gar nicht Mal so schlecht, denn die elektrische kWh aus Brummdieseln in den Alpen ist sauteuer. Ich weiss, der LeiseMelk hat sicher einen langen Weg zu fahren…

„Die Stromnutzung in den Alpen grundlegend verändern“ ist schon ziemlich hoch gezielt. Natürlich flattiert so ein Satz, denn wer möchte nicht etwas „grundlegend verändern“ auf dieser Welt. (Liebe Realisten, es gibt tatsächlich Menschen mit diesem seltsamen Antrieb!) Die Wirklichkeit ist weitaus profaner, die Veränderung ist minimal, die Kosten exorbitant hoch, wie immer, wenn Neues erfunden wird. Aber: Das Reichenbachtal ist eine interessante (und ziemlich seltene) Nische, die sehr geeignet ist für dezentrale Energiespeicherung mit Batterien. Also für uns ein hoch willkommenes „Labor“. Wir dürfen ausprobieren, tüfteln, entwickeln und wollen ja schliesslich ein Produkt auf den Markt bringen, das der Wirtschaftsregion hier im Oberland Wertschöpfung bringt (…jeder fängt Mal klein an…). Und die Sennerinnen und Sennen sollen ein Produkt kriegen, das einen Nutzen bringt. Win-win soll das werden.

Im Reichenbachtal versorgen zwei kleine Wasserkraftwerke, die nicht ans nationale Netz angeschlossen sind, zwei lokale Betriebe (Schwarzwaldalp, Rosenlaui). Wenn diese Wasserkraftwerke ans nationale Netz angeschlossen wären, könnten sie viel mehr erneuerbaren Strom abgeben, denn die Anlagen sind überdimensioniert. Sie müssen den Spitzenbedarf decken können für die Betriebe Rosenlaui und Schwarzwaldalp. In der Nacht, wenn die Gäste schlafen und die Kühe gemolken sind, werden diese Wasserkraftwerke gedrosselt. Der Strom kann ja nirgends hin. Im Tal hat es aber Alpbetriebe, deren elektrische Erschliessung auch mit Subventionen eines arabischen Ölscheichs oder eines kantonalen Elektrizitätsversorgers unrentabel wären. Der LeiseMelk versucht also den Überschussstrom einzupacken und zu den Alpbetrieben hinaufzubringen. Der LeiseMelk bringt’s! (in Abwandlung des Post-Slogans)

Auf die erneuerbare Stromzukunft übersetzt sich das LeiseMelk-Prinzip folgendermassen: Wenn der Solarstrom immer billiger wird, dann werden sich immer mehr Dachbesitzer solche Anlagen zulegen. Irgendwann werden wir dann von einer Solarschwemme heimgesucht, wie heute schon in Deutschland: Zu viel Energie zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort! Überschussstrom, dass die Drähte glühen!

Und das ist kein Pipifax: Würde man die Atomkraftwerke in der Schweiz mit Solarstrom ersetzen, dann würden wir von Stromproduktionsspitzen von mehr als 25’000 MW heimgesucht. Das kann das Schweizer Stromnetz nicht in den kühnsten Träumen wegtransportieren, nicht alle Pumpspeicherwerke in der Schweiz könnten diesen Strom einlagern, wir müssten die heutigen Leitungskapazitäten verdreifachen und mehr und die KWO müsste nicht 600MW Pumpspeicher installiern (Grimsel 3 Projekt) sondern tausende von MW.  Weil das nicht geht, werden die Solar- und Windanlagen heute in Deuschland gedrosselt oder abgestellt. Letztes Jahr wurde so etwa wertvolle 700 GWh erneuerbare Energieproduktion weggeschmissen! Es wird jedes Jahr mehr.

Das Remedium gegen diese Solarstromschwemme sind nicht nur mehr Kupferdrähte, mehr Transformatoren, mehr von extrem teurer Strominfrastruktur (oder das Verhindern der Energiewende, wie einige Exponenten das wollen) Vielmehr müsste der solare Überschusstrom vom Dach – am Nachmittag ist niemand zu Hause, der Strom verbraucht, aber die eigene Solaranlage produziert ein Maximum – möglichst lokal gelagert und wieder lokal verbraucht werden. Dafür braucht es nicht mehr Drähte, die den Strom transportieren, dafür braucht es vor allem Speicher. Wenn dieser lokale Überschussstrom in LeiseMelks (ohne Räder) eingelagert wird, dann bleiben die Stromautobahnen frei für die Grossen und Kräftigen, wie eine KWO. Denn der Strom ist immer noch am falschen Ort. Ein energieintensiver Industriebetrieb kann sich noch so viele Solarmodule auf das Dach schrauben, er kann damit höchstens die Klimaanlage betreiben. Diese Betriebe kriegen ihren Strom zum Beispiel von den grossen Wasserkraftwerken, zum richtigen Zeitpunkt, am Ort des Geschehens.

Das Stromnetz ist wie das Strassennetz. Wenn hundertausende solare Fahrradfahrer auf der Autobahn dahingondeln, dann kommen die 40-Tönner nicht voran. Stau!

Übrigens: Die Firma battery consult in Meiringen arbeitet an einer günstigen solaren Speicherbatterie!