NZZaS: „Kobalt ist die Achillesferse der schönen neuen E-Mobilität“

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Artikel in der NZZ am Sonntag von Markus Städeli / 28.4.2018 / Unverändert übernommen / Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG. 

Batteriebetriebene Autos benötigen riesige Mengen an Kobalt. Dieses stammt aus dem mausarmen Kongo und wird zunehmend von China kontrolliert. Autokonzerne stehen vor einem Dilemma.

Der Chef des Schweizer Rohstoffriesen Glencore steht nicht im Ruf, unbedachte Äusserungen zu machen. Doch im März redete Ivan Glasenberg Tacheles. «Falls Kobalt in die Hände der Chinesen fällt, ja, dann werden Sie keine Elektroautos sehen, die in Europa produziert werden», sagte Glasenberg am Branchentreffen FT Commodities Global Summit. Die Firmen würden zu spät aufwachen. «Ich denke, das ist, weil die Automobilbranche noch nie Probleme in ihrer Beschaffungskette hatte.»

Die unbeschwerten Zeiten gehen dem Ende zu. Während die westlichen Konzerne grossartige Ankündigungen machen, wie viele Elektrofahrzeuge sie künftig verkaufen werden, fragen sich Rohstoffexperten, wie sie das realisieren wollen. Für Lithium-Ionen-Batterien braucht es riesige Mengen an Kobalt. Und dieser bisher unverzichtbare Rohstoff stammt zu über 60% aus der Demokratischen Republik Kongo, einem der fragilsten Länder der Welt. Kobalt wird dort nicht nur im industriellen Massstab nach gängigen Branchenstandards abgebaut, sondern auch im Kleinbergbau – unter haarsträubenden Bedingungen und nicht selten von Kinderhand.

Politisch könnte es bald noch hässlicher werden: Die mausarme Bevölkerung, von der 13 Mio. Menschen auf Nothilfe angewiesen sind, wird von einem Präsidenten regiert, der sich keinen Deut um seine Untertanen kümmert. Joseph Kabilas Amtszeit ist längst abgelaufen. Schon seit Ende 2016 hält er die Wähler hin. Nun hat Kabila für Dezember zwar Neuwahlen angekündet. Verschiebt er diese aber erneut, könnte es gar zu einem neuen Bürgerkrieg kommen. Die zweite dunkle Wolke am Himmel der schönen neuen Elektromobilitätswelt ist die zunehmende Dominanz Chinas. «Die Raffination von Kobalt findet zu 70% bis 80% in China statt, und das ist ein Grund zur Sorge für die deutsche Automobilindustrie. Sie befinndet sich nun de facto in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Asien», sagt Siyamend Al Barazi.  Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der staatlichen Deutschen Rohstoffagentur.

Westliche Autokonzerne befänden sich in einer sehr ungemütlichen Lage, sagt auch Paul Gait, ein führender Rohstoffanalyst, der für Bernstein arbeitet. «Die grosse Frage ist, ob China bereit ist, ausländischen Autokonzernen Batterien zu liefern,  beziehungsweise zu welchem Preis und in welcher Qualität.» Für China stelle der Technologiewandel eine einzigartige Möglichkeit dar, den Automarkt aufzurollen, sagt Gait. «Bei herkömmlichen Motoren hätte das Land technologisch wohl keine Chance, zu den westlichen Konzernen aufzuschliessen.»

Chinesische Firmen bauen auch ihre Kontrolle über das unveredelte Kobalt zielstrebig aus. Glencores grosser Konkurrent in Kongo heisst China Molybdenum. Im März hat zudem die an der Börse in Shenzhen kotierte Firma GEM einen Megadeal mit Glencore abgeschlossen. Die Schweizer verpflichten sich, GEM über drei Jahre 52 800 Tonnen Kobalt zu liefern. Zum Vergleich: Glencore baute letztes Jahr «nur» 27 000 Tonnen des Rohstoffs ab – will seine Jahresproduktion bis 2019 aber massiv hochfahren, auf 65 000 Tonnen. Auch unterIdealbedingungen könnte es der Rohstoffbranche schwerfallen, genügend Material aus der Erde zu holen, um die Nachfrage zu decken.

Und die Bedingungen sind nicht ideal. Im Geschäftsbericht der von Glencore beherrschten Katanga Mining werden als Risikofaktoren unter anderem aufgeführt: Krieg, zivile Unruhen, militärische Repression, Geiselnahme, Korruption, Annullierung von Bewilligungen oder Enteignung. Das ist keine Übertreibung, wie sich nun zeigt. Vor einer Woche leitete die staatliche Bergbaugesellschaft Gécamines rechtliche Schritte ein, um die Minenbetreiberin KCC aufzulösen. Diese gehört zu 75% Glencores Tochterunternehmen Katanga Mining, deren Aktienkurs sich darum seit Anfang Jahr halbiert hat. Gécamines hält ein
Viertel an KCC. Als Grund für die drastische Massnahme gibt Gécamines die hohen aufgelaufenen Schulden von KCC an. Die Schweizer glauben, über «mehrere Optionen» zu verfügen, die Unterkapitalisierung zu beheben und somit eine Auflösung von KCC zu verhindern. Gelingt dies nicht, würde Glencore wohl Abbaugenehmigungen und Schürfrechte verlieren. Auf dem falschen Fuss erwischt hat die Branche zudem ein neues Minengesetz, das wesentlich höhere Abgaben auf Kobalt vorsieht.
Problematisch ist dabei weniger, dass der Staat zusätzlich Einnahmen generieren will, sondern dass er mit dem neuen Gesetz Rechtsunsicherheit schafft. «Kongo ist nicht allein damit, höhere Abgaben auf seine Rohstoffe zu fordern. Wir haben solche Bestrebungen in vielen Ländern gesehen, von Australien über Kanada bis Chile», sagt Branchenanalyst Bait. Problematisch sei vielmehr, wenn Kongo nun Gesetze ändern wolle, auf deren Grundlage die Firmen Investitionsentscheide getroffen  hätten. Glencore hat dem kongolesischen Staat letztes Jahr 407 Mio. $ Abgaben geleistet. «Wir gehören zu den grössten Steuerzahlern», sagt Anna Krutikov, Leiterin nachhaltige Entwicklung der Firma. Sie sieht die Konzessionen der Firma in relativer Sicherheit, aufgrund der schieren Grösse des Landes. «Unsere beiden Minen liegen in einer konfliktfreien Region. Es gibt keine Strassen, die diese Region mit der Unruhe-Provinz Nord-Kivu verbinden», sagt Krutikov. Auch die Hauptstadt Kinshasa sei kaum erreichbar.

Aber die Sicherheit ist relativ. Eigentlich hätte Glencore noch eine weitere Mine. «Die dritte wurde 2011 überrannt. Seither haben wir keinen Zugang mehr zu dieser Konzession, und es wird dort illegal abgebaut.» Die Kinderarbeit und die Sicherheits- und Umweltpraktiken im Zusammenhang mit dem Kleinbergbau seien katastrophal, so Krutikov. Für Glencore ist deshalb wichtig, ausschliessen zu können, dass Kobalt aus dem Kleinbergbau in die Lieferkette gerät.«Wir kaufen oder verarbeiten keine Grundstoffe, die in der Demokratischen Republik Kongo durch Kleinbergbau gewonnen werden. Wir haben ein geschlossenes System von der Extraktion der Rohstoffe bis zur Trennung von Kupfer vom Kobalt – was wir ebenfalls vor Ort machen.»

Der Kleinbergbau ist nicht illegal. Mit entsprechenden fianziellen Mitteln kann jeder eine Kooperative ins Leben rufen und sich um eine Lizenz bemühen. «Diese berechtigt, bis zu 30 Meter unter der Erde zu arbeiten», sagt Al Barazi. Dabei handle es sich um reine Handarbeit mit Schaufeln und Hacken, «die meilenweit entfernt ist von Sicherheitsstandards, wie wir sie im Westen kennen». Daneben gebe es einen weitverbreiteten illegalen Raubbau, den niemand unterbinde. Dass das so geförderte Material auch in Produkten westlicher Firmen gelangt, scheint wahrscheinlich. «Wir waren vor kurzem in der Region und haben allein entlang der Strasse von Lubumbashi nach Kolwezi bis zu 100 Ankaufsstellen für Rohstoffe aus Kleinbergbau gesehen», sagt Al Barazi. Als Käufer sollen Chinesen, Inder und Libanesen auftreten.«Wir sehen die extreme Armut als den eigentlichen Grund für den Kleinbergbau», sagt Krutikov. Glencore und andere schaffen Abhilfe, indem sie alternative Einkommensquellen bieten. «Ich war positiv überrascht über die Beschäftigungsprogramme der grossen Bergbau-Konzerne Glencore und China Molybdenum im Bereich Gemüseanbau,Schweine-, Hühner- und Fischzucht als Alternative zum Kleinbergbau für die lokale Bevölkerung», lobt Al Barazi.